Drei Schulen unter einem Dach - das Bildungszentrum Pestalozzi

pressetexte 

Aufgrund schulpolitischer Veränderungen rief die Stadt Leoben in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro nonconform und der Forschungsplattform schulRAUMkultur im Jahr 2013 das „Bildungszentrum Pestalozzi“ ins Leben. Ziel des Projektes war die Zusammenlegung der Volksschule Donawitz, der Neuen Mittelschule Pestalozzi und des Polytechnikums Gössin einem gemeinsamen Gebäude. Im Rahmen einer nonconform ideenwerkstatt, einem partizipativen Planungsprozess, wurden Lehrerende, Eltern und SchülerInnen in das Projekt miteingebunden. Das Besondere an diesem Umbau? „Dass der Lehrer die Klasse zumacht und dann in der eigenen Welt ist, für die er verantwortlich ist, das gibt es nicht mehr. Man hört, was in den Klassen passiert. Es sind auch SchülerInnen am Gang, die trotzdem am Unterricht teilnehmen. Eine komplett neue Unterrichtsform“, so Paul Neugebauer, Direktor des Polytechnikums, in seinem Rückblick nach einem Jahr Schulbetrieb. Weitere Statements von Beteiligten finden Sie auf den Folgeseiten. 

 

Wie alles begann

Gemäß dem Motto „nach drei Tagen ist alles anders“ arbeitete das Team der nonconform ideenwerkstatt 2013 vor Ort und mitten unter den Menschen am Zukunftsbild der Schule. Im Rahmen dieses partizipativen Planungs- und Forschungsprozesses, der von der Konzeption bis hin zur Umsetzung reichte,wurden SchülerInnen, PädagogInnen, das Haus- und Reinigungspersonal, Eltern, BürgerInnen aus der Nachbarschaft und dem Stadtteil, das Bundesdenkmalamt und Verantwortliche der Stadtgemeinde eingeladen, gemeinsam an einer räumlichen Lösung für die Schule mitzuwirken. „Die Begegnung zwischen den Planenden und den Nutzenden in der Ideenwerkstatt fand auf einer Ebene statt, und viele Ideen sind auch tatsächlich im Beteiligungsprozess entstanden“, erinnert sich Heimo Berghold, Baudirektor von Leoben. 

Operation am offenen Herzen 

Dreh- und Angelpunkt des Umbaus war die Transformation der finsteren Mitte des denkmalgeschützten Schulgebäudes. „Das Haus hatte ein ‚totes‘ Herz und seine Gänge wiesen ‚blinde‘ Enden auf“, so Architekt Michael Zinnervon der Kunstuniversität Linz, der den wesentlichen baulichen Eingriff wie folgt formuliert: „Es war eine Operation am offenen Herzen.“ Das Gebäude wurde systematisch an verschiedenen Punkten geöffnet und perforiert, um Licht und Durchblick zu ermöglichen: Die Mittelmauer im Zentrum wurde zur Gänze abgebrochen und in drei Stützen aus Stahlbeton aufgelöst. Hier entfaltet sich nun ein heller, großzügiger Raum vertikal über alle Ebenen und bietet mehr Raum, Luft und Licht für das Entstehen eines Wir-Gefühls aller Schulen. 

 

Neue, vielfältige Möglichkeiten

Das alte Gebäude verwandelte sich in eine vielfältige Landschaft neuer Lern- und Pausensettings. Wo früher dunkle Gänge gähnende Leere verbreiteten, tummeln sich heute SchülerInnen zwischen Strandkörben und Tischfußballtischen, spielen in Sitznischen Verstecken oder beobachten das Treiben in den anderen Klassenzimmern durch die sogenannten „Lernporen“. Jeder Klassenraum besitzt zwei dieser Poren, die – als Sitz- und Lernmöbel ausgeführt – Durchblicke in den Gang bilden. Das Lehren und Lernen muss in dieser Schule nicht nur in der Klasse stattfinden, sondern kann sich über die ehemaligen Gänge auf alle Bereiche hin ausdehnen. Dadurch konnte die sinnvoll nutzbare Fläche in ihrem Anteil von zwei Drittel auf drei Viertel erhöht werden. Ein „Vorne“ und „Hinten“ gibt es in den Klassenzimmern nicht mehr, flexible Schiebetafelsysteme und Möbel mit Rädern erleichtern das Umstellen und unterstützen so zeitgemäße Unterrichtsmethoden. Lehrende können zwischen Frontalanordnung, Groß- oder Kleingruppensettings wählen. Zusätzlich sind immer zwei Klassen durch zwei Türen zusammenschaltbar. So ist ein gemeinsames Arbeiten unterschiedlicher Schultypen und Altersstufen möglich. Darüber hinaus wurde die ehemalige Schule durch einen Zubau im Hof um ein „Schulrestaurant“, eine Bibliothek mit Atrium, eine Spielterrasse mit Freitreppe und Sitzstufen sowie um einen kinder- und spielfreundlichen Freibereich erweitert.

 

Synergien für Nutzung und Verwaltung

Die drei Schulen können sich in dem neuen Bildungszentrum nun zu einer Einheit entwickeln und die Stadt Leoben muss statt drei nun nur mehr ein Gebäude betreiben bzw. erhalten. Zudem wird weniger Fläche für Sonderunterrichtsräume (Lehrküche, Turnsaal, Werken) benötigt, da sich die Schulen diese ebenfalls teilen. „Wir haben überall Synergien gesucht. Auch Verwaltungsräume werden nun von allen drei Schulen gemeinsam verwendet“, so Caren Ohrhallingervon nonconform. Die gemeinschaftliche Nutzung von Flächen ermöglicht einen intensiveren Gebrauch der Immobilie und damit eine Verringerung der Betriebskosten. 

 

Das erste Jahr in Betrieb: ein Rückblicke aus unterschiedlichen Perspektiven 

„Der Schulalltag hat sich in der Arbeit im Bildungszentrum im Vergleich zu anderen Schulen sehr geändert. Neue Synergien wurden geschaffen und Kommunikation im Schulalltag hat einen anderen Stellenwert bekommen. Der Unterricht ist viel offener, flexibler und 'situationselastischer' geworden. Die Lernenden haben durch das offene Raumkonzept auch die Möglichkeit, sich mehr zu bewegen bzw. sich bei Bedarf auch in unsere Lernecken zurückzuziehen. Auch das Thema Transition hat eine neue Facette bekommen, da ein einfacherer Einstieg in die neue Schule gegeben ist. Die Kinder kennen das Gebäude und auch zum Teil die Lehrer. Besonders ist aber nicht nur das Konzept der drei Schulen unter einem Dach, sondern auch der gelebten Integration und Inklusion in unserem Haus. Kindern ist es möglich, die gesamte Schullaufbahn in einem Haus zu absolvieren, unabhängig davon, ob sie im Regelunterricht oder nach dem Lehrplan für besondere Bedürfnisse unterrichtet werden müssen."

Alexandra Baumgartner, Direktorin der VS

 

„Das Gebäude erfordert ein hohes Maß an Kommunikation, da es keine oberste Instanz der Entscheidung gibt, sondern hier drei Schulleitungen mit gleichwertigen, aber durchaus unterschiedlichen Interessensausgangslagen nebeneinander werken. Dabei kommt es mir im Besonderen darauf an, dass wir – unabhängig von Kinderanzahl, Personalstand und genutzter Fläche – stets auf Augenhöhe vorgehen und Entscheidungen gemeinsam besprechen und gemeinsam tragen.“

Leopold Ulrich, Direktor der NMS
 

„Alle mussten sich räumlich beschränken. Wir haben auch viele räumliche Möglichkeiten geschaffen, die nicht explizit zuordenbar sind. Es war also essenziell, die Menschen einzubinden und gut mitzunehmen, um gemeinsam eine Perspektive zu entwickeln.“
Caren Ohrhallinger, Geschäftsführerin und Architektin bei nonconform

„Gefühlt ein Drittel der Lehrenden genießt die vielen Durchblicke in die Klassenräume. Hier sehen wir dann als Folge Kinder und Jugendliche auch vor der Klasse lernen, hier stehen Türen oftmals offen, hier flanieren Menschen und schweifen Blicke zwischen den Räumen. Das Klima in solch einem Schulalltag verändert sich damit: Alles wird lebendiger, wirkt bewohnter.“

Michael Zinner, schulRAUMkultur

 

Darum ging Leoben den nonconformen Weg

Aufgrund des wirtschaftlichen Strukturwandels wurden in den letzten Jahren im Rahmen einer Studie der Stadt Leoben alle Schulstandorte aus den Blickwinkeln der Demografie, der Bautechnik, der Ökonomie und der Bildungspolitik betrachtet. Im Stadtteil Donawitz war eines der zwei zukünftigen Bildungszentren für Pflichtschulen vorgesehen, wobei in diesem Gebäude die bestehende Neue Mittelschule, eine Volksschule mit zwei angegliederten sonderpädagogischen Klassen und eine polytechnische Schule zusammengelegt wurden. Den Verantwortlichen der Stadt Leoben ist in der Zeit der Studie bewusst geworden, dass die Schulzusammenlegung und eine „routinemäßige“ Generalsanierung eines Baudenkmals mit dem üblichen Aufteilen überholter Raumnutzungen in alten Gemäuern keine zukunftsfähige Lösung sein kann. Um alle zukünftigen NutzerInnengruppen zu Wort kommen zu lassen, fasste die Stadt den Entschluss, diese komplexe Aufgabe im Rahmen eines partizipativen Prozesses anzugehen und beauftragte 2013 das Architekturbüro nonconform und die Forschungsplattform schulRAUMkultur.

Das Projekt wurde bereits ausgezeichnet: Beim Energy Globe Styria Award 2017wurde das Bildungszentrum in der Rubrik Jugend ausgezeichnet, bekam eine Anerkennung von „Bildung für nachhaltige Entwicklung – BEST OF AUSTRIA“ im Handlungsfeld „Politische Unterstützung“ und wurde beim ÖGUT Umweltpreis 2016in der Kategorie „Partizipation und zivilgesellschaftliches Engagement“ nominiert. 

 

Mehr Informationen zum Projekt: 

http://www.nonconform.at/sites/default/files/presse/attachments/leoben.pdf

http://www.nonconform.at/erfolgsstory/das-bildungszentrum-pestalozzi-leoben http://www.schulraumkultur.at/artikel/2018-03-08-bildungszentrum-pestalozzi

pressebilder 
Blick in einen Schulgang. Kinder spielen am Boden, arbeiten auf Tischen und sitzen in Strandkörben am Gang.
Zwei Mädchen schauen durch ein rundes Fenster vom Gang in einen Klassenraum.
Blick in ein Subzentrum, ein zusätzlicher offener Raum, der vom Gang erreicht werden kann. Bunte Filzmöbel und ein Fußballtisch zeiegn die Nutzungsmöglichkeit.
Blick nach oben: man sieht die verschiedenen Ebenen, die durch grüne Geländerplatten hervorstechen. Im Erdgeschoss laufen SchülerInnen über die Stufen.
In einer holzverkleideten Bibliothek sitzen Kinder auf Sitzstufen, liegen auf Sofas und stöbern in den Bücherregalen.
Blick in das Zentrum der Schule. Ein heller, breiter Gang, Sitzstufen führen zum Zubau.
Schulkinder stehen vor dem sanierten Schulgebäude.
Blick in den umgestalteten Schulhof. Zwei Mädchen springen auf einem Trampolin, die anderen Kinder laufen die Gartentreppe hoch zur Terrasse.
Blick von oben in ein Atrium. In der Mitte steht ein kleiner Baum und Kinder laufen drum herum.
Blick in ein Klassenzimmer. Eine Lehrerin schreibt auf der Tafel, die Kinder hören aufmerksam zu, ein paar gehen in den zuschaltbaren Klassenraum nebenan.