Warum ging München den nonconformen Weg?

Das alte Siemens- und Betonwerk-Areal in Obersendling im Süden von München mit einer Gesamtfläche von ca. 47.000 m2 gehört zu einem sich dynamisch entwickelnden Stadtgebiet mit großem Bevölkerungswachstum. Der 40 m hohe Turm des stillgelegten Betonwerks gilt gemäß städtebaulichem Rahmenplan Obersendling als identitätsstiftendes Bauwerk, doch auch die großflächige Halle des ehemaligen Betonwerks und eine ehemalige Kranbahn tragen zum besonderen Charakter des Areals bei.

Die Horus Sentilo Projektentwicklungsgesellschaft mbH, in deren Eigentum der größte Teil der Flächen ist, will hier ein ganzjährig und vielfältig genutztes Quartier entstehen lassen, das ein neuer urbaner Treffpunkt wird. Dabei soll die gewerbliche Nutzung dominant bleiben, die gemischten Strukturen aus Werkstätten und Dienstleistungen sollen aber durch Wohnen gestärkt werden. Unterstützt durch Architektur von herausragendem internationalem Format soll ein Leuchtturmprojekt entstehen, das über die Stadt- und Landesgrenzen hinauswirkt.

Wie lief der Beteiligungsprozess ab?

Zur Lösung dieser komplexen Aufgabenstellung wurde in Abstimmung mit der Projektentwicklungsgesellschaft und der Stadt München ein iteratives und kooperatives Workshop-Verfahren entwickelt, in dem mit vielfältigen Akteur*innen aus der Auftraggeberschaft, Stadt und dem Bezirk sowie mit Planungsteams und Fachexpert*innen tragfähige Rahmenbedingungen und städtebauliche Szenarios für ein innovatives und identitätsstiftendes Quartier diskutiert und gemeinsam weiterentwickelt wurden. Ziel war es, am Schluss eine Empfehlung für das Widmungsverfahren aussprechen zu können.

Zu Beginn wurden sieben nationale und internationale Planungsbüros eingeladen, ein städtebauliches und landschaftsplanerisches Konzept zu erarbeiten. Aus diesen wurde gemeinsam mit VertreterInnen der Stadt München und den Akteur*innen der Projektentwicklungsgesellschaft zwei Planungsteams – die Büros KOBE und KCAP mit dem Landschaftsplanungsbüro SLA – für die gemeinsame Weiterentwicklung ausgewählt.

In der zweiten Phase wurde gemeinsam mit allen Beteiligten in einem intensiven einwöchigen Workshop gearbeitet. Es wurden Varianten für die Positionierung von Hochpunkten und Dichteverhältnissen am Modell entwickelt, die Freiräume, Anbindung und Durchwegung des Areals sowie der Umgang mit dem industriellen Erbe diskutiert. Alle Themen wurden in dieser Workshopwoche in intensiven Abstimmungen mit der Stadt München, Expert*innen und den Fachabteilungen der Stadt aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Über den Bezirksausschuss wurden Perspektiven und Erwartungen der Obersendlinger Bürger*innen eingebracht.

„Zur Neustrukturierung des Areals im Gewerbeband Obersendling wurde ein mehrtägiger kooperativer Workshop anstelle eines städtebaulichen Wettbewerbs durchgeführt. Dieses anspruchsvolle Verfahren ermöglichte, die beste Lösung aus mehreren favorisierten Entwürfen zusammenzuführen – eine besondere Methode, die wir durchaus wieder einsetzen sollten.“

Prof. Elisabeth Merk

Stadtbaurätin

Wie sieht das Ergebnis aus? 

Die intensive und frühzeitige Einbindung der Akteur*innen schaffte Offenheit und Transparenz. Obwohl der Aufwand für dieses Verfahren zeitintensiver war als im Rahmen eines klassischen Wettbewerbs, wurden die Qualität und das gute Ergebnis des Workshop-Verfahrens gelobt. Es ist gelungen, das Potential der verschiedenen Planungsbüros in einem gemeinsamen Projekt zu bündeln und dadurch ein Ergebnis zu erhalten, das den vorab erarbeiteten Studien durch die gegenseitige Befruchtung im Prozess etwas Neues gegenüber stellte. Die erfolgreiche „Verschmelzung zweier Entwürfe“ hat gezeigt, dass das Experiment geglückt ist.

    „Die Vermählung ist gelungen.“

    Prof. DI Fritz Auer

    Jurymitglied

    Was ist das Besondere daran?

    „Don‘t do too much“ – Es entwickelt sich im Prozess ein klares Plädoyer dafür, das industrielle Erbe als Identität stiftendes Merkmal für das Quartier zu erhalten und Impulse mit neuen Nutzungen zu setzen, obwohl dies aus Investorenperspektive kritisch zu sehen ist.  Das Ziel in diesem Kontext ist ein puristischer Umgang in der Gestaltung, um nicht durch eine zu starke Verfremdung des Bestehenden das Identifikationspotential zu schwächen.

    „Die Türme müssen miteinander reden“
    Das Herzstück des neuen Quartiers ist der Ort, an dem sich – in Analogie zu Gruppierungen in der Umgebung – drei gezielt komponierte Hochpunkte treffen. Die genaue Positionierung im Hinblick die Trilogiewirkung, aber auch auf die Verschattung der Umgebung und des Areals selbst und die Sichtbarkeit, waren wesentliche Diskussionpunkte in der Entwicklung des Entwurfs.

    Wie ging es weiter? 

    Der Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung des Stadtrats hat Mitte 2020 das städtebauliche und landschaftsplanerische Gesamtkonzept für die brachliegende Gewerbefläche in Obersendling bekannt gegeben, der gemeinsame Entwurf der Büros COBE Architects und KCAP mit SLA fließt im Weiteren in den Bebauungsplan für das Areal ein.

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