Die Blasmusikkapelle spielt zur Eröffnung des neuen Gemeindezentrums im Sommer 2015.

wettbewerb mit bürgerbeteiligung in fließ

warum geht fließ den nonconformen weg?

Im Dorfzentrum in Fließ, einer Tiroler Berggemeinde mit rund 3.000 Einwohnern zwischen Landeck und Fiss-Ladis , haben sich über die Jahre mehrere Leerstände gebildet. Die Gemeindeverantwortlichen haben mit Weitsicht diese Gebäude erworben und planten ein Pilotprojekt, um einen entscheidenden, nachhaltigen Impuls zu setzen. Ziel war es, das Ortszentrum attraktiver zu machen und wieder in den Mittelpunkt des Alltagslebens zu rücken. Auf dem leer stehenden Ensemble sollte ein nutzungsdurchmischtes Dorfhaus mit den Funktionen Wohnen, Arbeiten und Einkaufen entstehen. Der Projektentwicklungsprozess und die in der Folge zu errichtenden Gebäude sowie öffentlichen Räume sollten darüber hinaus einen wesentlichen Beitrag für die Zukunft der Tiroler Wohnbaudiskussion darstellen. Neben einer neuen Prozesskultur in der Entwicklung von Projekten sollte der Wohnbau in Tirol nicht mehr nur als Solitär auf der grünen Wiese, sondern vor allem als Teil einer ganzheitlichen Ortsentwicklung gesehen werden.

was ist das besondere an diesem projekt?

Es wurde ein besonderer Entwicklungsweg gewählt: ein Dialog mit einem Wettbewerbsverfahren zwischen Gemeinde, Bevölkerung und ArchitektInnen. Zum ersten Mal konnten Bürgerbeteiligung und Architekturwettbewerb auf eine ganz neue Weise kombiniert werden. Entstanden ist ein qualitativ hochwertiges und von vielen Beteiligten akzeptiertes Projekt, das von den Innsbrucker ArchitektInnen Daniela Kröss und Rainer Köberl umgesetzt wurde und viel Anerkennung erntete – sowohl von der Bevölkerung als auch von der Fachwelt.

Das „Modell Fließ“ steht für innovative Dorfzentrumsentwicklung mit Bürgerbeteiligung. Das gewählte Wettbewerbsverfahren kombiniert mit der nonconform ideenwerkstatt förderte die Akzeptanz und legte die Basis für die Realisierung dieses einmaligen Vorzeigeprojekts.

Zwei Männer stehen mit den gelben Ideenband vor einem Gebäude, das bereits damit eingewickelt ist und beraten darüber, wo noch weiter dekoriert werden soll
Das gelbe Ideenband mit seinem Wiedererkennungswert macht auf Veränderung aufmerksam. Das zu bearbeitende Areal auf den Stuemergründen mitten im Ortszentrum von Fließ wurde als Gesamtes mit dem Ideenband eingepackt.

was wurde anders gemacht?

Umgesetzt wurde das gesamte Wettbewerbsverfahren als Verknüpfung einer nonconform ideenwerksatt mit einem klassischen Architekturwettbewerb. In einem zweiphasigen Wettbewerb wurden fünf Büros für die zweite Wettbewerbsstufe zum Hearing nach Fließ geladen. Das Besondere dabei war, dass dieses Hearing zwei Tage dauerte und direkt vor Ort gemeinsam mit der Bevölkerung, der Jury und Gemeindepolitik stattfand. An diesen beiden Tagen wurden zahlreiche Aktivitäten, wie z. B. Gespräche, Stammtische, Vorträge, etc. angeboten. In dem von nonconform gestalteten und moderierten Prozess hatten die geladenen Architektenteams die Gelegenheit die Bevölkerung intensiv nach ihren Bedürfnissen zu befragen. Infolge erarbeiteten die ArchitektInnen in ihren Büros oder vor Ort individuelle Projektentwürfe. Die anonyme Abgabe der Projekte entsprach dem Bundesvergabegesetz. In der öffentlichen Jurysitzung konnten die BürgerInnen zuhören, wie die Jury – bestehend aus Fachleuten und VertreterInnen der Gemeinde – in ausführlichen Diskussionsrunden die Entscheidung für das beste Projekt getroffen hat. 

Die Jurymitglieder beraten sich in der Turnhalle. Sie diskutieren stehend in der Gruppe, ein Mann erläutert Details an einem Plan.
Für die Jurysitzung wurde ausreichend Zeit reserviert – insgesamt eineinhalb Tage für fünf Projektvorschläge. Ein Teil war nur der Jury vorbehalten, ein Teil der Jurysitzung war öffentlich zugänglich.
Es ist nicht der erste Architekturwettbewerb, bei dem ich dabei war. Normalerweise ist es danach aber immer recht schwierig, den Leuten zu erklären, warum ausgerechnet dieses oder jenes Projekt gewonnen hat. Bei diesem Verfahren ist das komplett anders. Durch die intensive Beschäftigung mit den Projekten ist es nun ein Leichtes, die Vorteile des siegreichen Projekts in einem Satz den Menschen zu erklären.
Vizebürgermeister Wolfgang Huter

was kam dabei heraus?

Ein Dach, ein Brunnen, drei neue Häuser mit unterschiedlichen Nutzungen und eine Tiefgarage mit freigelegten archäologischen Funden bringen nachhaltig Leben in die Ortsmitte. Rainer Köberl und Daniela Kröss siegten eindeutig. Ihr Projekt besteht im Prinzip aus einem großen, etwa 15 Meter breiten, 25 Meter langen, unregelmäßig trapezförmigen Dach mit runden Oberlichten auf zarten Stahlstützen und drei Häusern. Das Dach lässt im Norden mit seiner schrägen Flucht die „Via Claudia“ optisch gleichermaßen ins Dorf schwappen und dockt direkt am neuen Haus mit MPREIS und Arztpraxis an, das in seiner konischen Grundrissform auf das Dach reagiert.

Zwei Bilder: Auf dem ersten der Blick auf den Platz, einige Bürger halten sich dort auf . Bild 2: Blick von oben auf den Platz. Eine Brücke, die die Ebenen verbindet ist erkennbar.
Es ist eines von drei neuen Häusern, die von markanten öffentlichen Räumen auf unterschiedlichen Ebenen miteinander in Bezug treten. So kann sich ganz beiläufig zu unterschiedlichsten Anlässen das Dorfleben entfalten. Fotocredit: nonconform, Georg Herder

Die drei Baukörper treten wechselweise miteinander in Beziehung und sind unter Plätzen, Stiegen und Wegen über die Ebene der Tiefgarage verbunden: Dort fanden sich archäologische Ausgrabungen eines „rätischen Hauses“ aus dem 5. bis 1. Jhdt. v. Chr., die nun – durch ein Oberlicht und von der Seite natürlich erhellt -, in Cortenstahl eingefasst, gut sichtbar präsentiert in die somit auch natürlich belichtete und belüftete, zur Außenstelle des Museums geadelte Tiefgarage integriert wurden. Von hier führt ein Lift auf alle Ebenen bis hinauf zu dem Steg, der die Arztpraxis an den „Brunnenplatz“ bei der „Via Claudia“ anbindet.

Blick in eine archiologische Ausgrabungsstätte. Lichtöffnungen von oben beleuchten die freigelegten Mauern.
So trifft die Lebenswelt der Vergangenheit auf Gegenwart und Zukunft von Fließ. Fotocredit: Herder
Blick über einen modernen Brunnen aus Holz. Ein älterer Herr sitzt auf der Sitzbank des Brunnens, eine Musikkapelle ist im Hintergrund erkennbar.
Am Übergang zur "Via Claudia" steht ein Brunnen: Sein Trog ist aus Lärchenholz, das im Wasser feurig rot bleibt. Das umlaufende Sitzbrett ist aus Haselfichte, wird mit der Zeit silbergrau und stammt aus Wäldern der Gegend.
Blick zum neuen Gemeindehaus, der Sockel ist grau und die Fassade aus gold-braunen vertikalen Latten.
Das Gemeindehaus folgt der Logik alpiner Bauernhäuser: ein massiver Sockel aus Sichtbeton, darüber Holz. Die vertikalen Lärchenlatten werden mit der Zeit grau und passen wunderbar zu den Schuppen und Stadeln. Fotocredit: Schaller