An einem sonnigen Vormittag laufen einige Schulkinder leine große Freitreppe hinauf auf eine Terrasse. Im Vordergrund springen zwei SchülerInnen.

das bildungszentrum pestalozzi in leoben

was ist leoben für eine stadt?

Die steirische Mittelstadt Leoben ist der Prototyp einer österreichischen Stadt, die durch den Strukturwandel massiv von Schrumpfungen betroffen ist und mit erheblichen Leerständen in unterschiedlichen Dimensionen zu kämpfen hat. Leoben ist zwar ein klassischer Industriestandort, aber mit der Montanuniversität auch ein wichtiger Wissenschaftsstandort mit einem sehr hohen Studierendenanteil. 

warum geht leoben den nonconformen weg?

Aufgrund der demografischen Entwicklungen wurde in den letzten Jahren die Anzahl der Volksschulen bereits von acht auf fünf reduziert. Weitere Schließungen werden voraussichtlich noch folgen. Die Stadt Leoben hat erkannt, dass sie Antworten finden muss und entwickelt ein neues Schulstandortkonzept für die nächsten Jahrzehnte. Im September 2016 sind nun nach drei Jahren Planungs- und Bauphase die drei Pflichtschulen Volksschule Donawitz, Neue Mittelschule Pestalozzi und Polytechnikum Göss in das denkmalgeschützte Gebäude der ehemaligen Pestalozzi-Hauptschule eingezogen. Das Architekturbüro nonconform betreute das Projekt gemeinsam mit Michael Zinner und der wissenschaftlichen Begleitung durch die Kunstuniversität Linz.

Wenn aus einer demografischen Situation heraus drei Schulen in einem Gebäude zusammengelegt werden, reicht es nicht, die Klassen nur in notwendiger Anzahl in Räume zu verteilen, sondern es muss von Anfang an bedacht werden, dass sich der Bedarf in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten wieder ändern kann. Diese Nutzungsneutralität muss mitgedacht werden. Aus dieser Zusammenlegung heraus ergeben sich mögliche Synergien, wie der fließende Übergang zwischen den Schulformen. Der Umgang mit den verschiedenen Altersstufen sowie mit den „eigenen“ und gemeinsamen Bereichen ist wichtig: „wer ist wo?“ und „wie leben wir zusammen?“.

Aus drei Schultypen wird ein Bildungszentrum
Logo zur nonconform ideenwerkstatt

wer hat da etwas mitzureden?

In den Entwicklungsprozess wurden alle Betroffenen miteinbezogen: SchülerInnen, PädagogInnen, Eltern, Auftraggeber (Stadtgemeinde) und Hauspersonal. Das Bundesdenkmalamt war von der ersten Sekunde an sowie in der weiteren Planung intensiv beteiligt, da das gesamte Gebäude unter Denkmalschutz steht. Mit Statikern und Brandschutzexperten wurde bereits bei der nonconform ideenwerkstatt Grundsätzliches abgeklärt. Die Stadtgemeinde (Baudirektion, Projektleiter der infra-KG), das Schulamt und der Projektkoordinator der Immorent waren ebenfalls intensiv beteiligt und haben so das Vertrauen in den Prozess sowie in die Qualität der Lösungen entwickeln können.

Pädagoginnen und Pädagogen sitzen an einem gedeckten Tisch. Am Kopfende des Tisches stehen auf einer Schultafel wesentliche Fragen für den Beteiligungsprozess. Daneben ein Flipchart.
Bei einem gemeinsamen Auftaktessen wurden die Erwartungen an die Ideenwerkstatt besprochen.

was wurde anders gemacht?

Die Stadt Leoben hat Weitblick und Mut bewiesen, trotz einer komplett fertigen Studie das Paket erneut aufzuschnüren, umzudenken und kurzfristig einen Beteiligungsprozess – mit festem Finanzierungsrahmen, der auf Basis der Studie bereits beschlossen war – auf die Beine zu stellen. Wichtig zu erwähnen ist auch, dass nach dem Beteiligungsprozess unsere Arbeit nicht vorbei war: Wir konnten die weitere Planung gestalterisch und in der Kommunikation mit den NutzerInnen begleiten. So wurden gemeinsam nutzungsrelevante Punkte konkretisiert und in zahlreichen Treffen mit Plänen, Skizzen sowie Modellen zum Möbel herumschieben weitergearbeitet. Dabei haben wir beispielsweise 1:1 die Testnutzungen von neuen Tafelsystemen reflektiert.

Kinder sitzen gemeinsam mit der Architektin in einem aus Kisten gebauten Raum
In einem 1:1 „Raum-Bau-Workshop“ werden von Schülerinnen und Schülern Raumformen, Durchblicke und Zugänge getestet.

was kam dabei raus?

Aus den ökonomischen Nöten wurden pädagogische und schulkulturelle Tugenden. Die Ideenwerkstatt war gleichzeitig der Beginn des Zusammenwachsens der drei Schulen, die sich bis dahin größtenteils nicht kannten. Ohne diesen Prozess wäre ein gemeinsames Zimmer für alle LehrerInnen der drei Schulen nie denkbar gewesen. Synergien zwischen den Nutzungen haben viele „weiche” Raumnutzungen abseits des Standardklassenzimmers ermöglicht. In der integral gedachten Nachmittagsbetreuung gibt es keine Extraflächen für den Aufenthalt am Vor- und Nachmittag, sondern Lernlandschaften mit differenzierten Räumen (Rückzug, Begegnung, etc.) für jede Tageszeit. Dabei sind die Klassenzimmer teilweise zum Gang hin geöffnet, um „atmen“ zu können.

Kinder spielen in der Pause im Schulgang. Manche sitzen am Boden, andere arbeiten an Tischen oder lesen in den Lernporen und Strandkörben. Von der Decke baumeln graue Schaumstoffzylinder als Akustikabsorber herunter.
Das alte Gebäude verwandelte sich in eine vielfältige Landschaft neuer Lern- und Pausensettings. © Kurt Hörbst
Die Klassen öffnen sich zu den Gängen. Man wird hören, was in den Klassen passiert. Es werden auch SchülerInnen am Gang sein, die trotzdem am Unterricht teilnehmen. Das wird eine komplett neue Unterrichtsform und eine neue Art für die SchülerInnen, wie der Unterrichtsstoff gelehrt werden kann.
Paul Neugebauer, Direktor des Polytechnikum im Interview auf der Leerstandskonferenz 2015

und was ist das besondere daran?

Das gemeinsame Herz der drei Schulen besteht aus Cafeteria und Lernzentrum. Finanzierbar wurde dieser neue Zubau, da auf den geplanten Dachgeschossausbau verzichtet werden konnte, der ursprünglich Teil der Schulräume geworden wäre. Einen „Raum zum Lernen” wünschten sich viele SchülerInnen auf Ideenzetteln – und das in einer Schule!

Das neue Bildungszentrum bietet Ruhe für alle SchülerInnen und alle LehrerInnen. Eine Besonderheit ist der „Chillraum” – der einzige ausgebaute Raum des Dachgeschosses mit einer nach Westen ausgerichteten Dachterrasse, einem Panoramafenster und einem extra Raum, der dem Lehrpersonal sowie dem Hauspersonal als Rückzugsort dient – also quasi eine „schülerfreie Zone”.

Kinder lesen in der Bibliothek auf verschiedenen Ebenen: auf Sitzstufen aus Holz, auf bunten Hockern aus Filz, in einer verglasten Galerie oder in Büchernischen. Der Raum ist vorwiegend mit hellem Holz verkleidet.
Dem Raumkonzept zufolge werden neben der Bibliothek, auch die Küchen und Werk- und Bewegungsräume gemeinsam benützt. Das erfordert die Ökonomie, wird aber zu einem sozialen Gewinn, weil die Schulen miteinander ins Gespräch kommen. © Kurt Hörbst

wie geht es nach der eröffnung weiter?

Am ersten Schultag im Herbst 2016 wurde das umgebaute Bildungszentrum Pestalozzi feierlich eröffnet. Ein wichtiger Bestandteil eines funktionierenden und gelebten Projekts ist die richtige Nutzung nach der Fertigstellung. Deshalb wird in Leoben die Besiedelung auch groß geschrieben. Damit das Potential der neuen Räume auch richtig ausgeschöpft werden kann, findet eine ausführliche Nachbetreuung für die SchülerInnen und PädagogInnen statt. Vieles im neuen Gebäude ist anders als gewohnt, Nutzungsmöglichkeiten müssen und dürfen sich erst einspielen, es gilt sich im Alltag untereinander sowohl schulintern als auch mit den anderen Schultypen abzustimmen. Neben Einführungsworkshops werden zinner nonconform das erste Jahr die Pädogoginnen noch weiter begleiten und in dieser Aneignungsphase unterstützen.

SchülerInnen, LehrerInnen und Auftraggeber sitzen im Schulhof auf einer Freitreppe.
Eröffnungsfeier am ersten Schultag im Herbst 2016 © Freisinger